Samstag, 19. Januar 2013

Das kulinarische Unwort des Jahres 2012

 

Übers Essen reden, beim Reden essen. Dabei tauchen Wörter auf, die ich (wieder) wunderbar finde. Manche Wörter hingegen, die ich nicht (mehr) hören oder lesen kann, wollen einfach nicht verschwinden. Hier ist das Ergebnis meiner ganz persönlichen Wahl zum Kulinarischen Unwort des Jahres 2012:

Platz 5
Du bist, was du isst

Ja, es mag im Kern schon stimmen. Und schließlich wird die Aussage sogar Brillat-Savarin in den Mund gelegt – in einer etwas abgewandelten Form. Aber lassen sich für Ernährungsinformationen jeglicher Art wirklich keine kreativeren, gehaltvolleren, knackigeren Headlines mehr finden?

Platz 4
Laktosefrei

Laktoseintolerant zu sein, gehört heute irgendwie dazu. Zum Lifestyle. Bin ich böse? Vielleicht bin ich’s geworden – wenn es um dieses Thema geht. Mittlerweile wird nämlich so erschöpfend über Milchzuckerunverträglichkeit geredet und berichtet, dass sich viele Menschen selbst und auf den bloßen Verdacht hin um ein gutes Stück Lebensqualität bringen. Und die Lebensmittelhersteller produzieren laktose- und genussfreien Sauerrahm.

Platz 3
Lecker

Lecker. Ein Wort, das mittlerweile so tief in unserem kulinarischen Sprachschatz verankert ist, dass es alle anderen Möglichkeiten zu verdrängen scheint, die sensorischen Eigenschaften von Speisen zu beschreiben. Es besetzt Buchtitel (Hauptsache lecker), Kochmagazine (LECKER) und TV-Formate (Lafer! Lichter! Lecker!), es findet sich auf Brettspielen (Lecker oder Gemecker) und Katzenfutter (Whiskas® Vital & Lecker). Milchreis schmeckt nicht süß, mollig, dicht, sanft oder schlicht: gut. Er schmeckt lecker.
Ich bin gegen rhetorisches Fastfood, ich mag kein Glutamat in meiner Buchstabensuppe. Weil aber so viele, mir liebe Menschen (allen voran das Minimädel) dieses Wort ganz selbstverständlich verwenden, hat es „lecker“ nicht zum Unwort des Jahres geschafft.

Platz 2
Espuma

Wenn mir jemand mein Essen espumieren will, dann ist es aus. Ich brauch keine Schäumchen oder Häubchen und auch keinen dekadenten Zierrat. Ich will echtes, gutes Essen. Und eine iSi-Flasche, dank der die schicken Espumas mittlerweile auch in der Alltagsküche Einzug gehalten haben, kommt mir auch nicht ins Haus.

Platz 1 und somit Unwort des Jahres 2012
Fleischproduktion

Wie es kommen konnte, dass fühlende Wesen ihr viel zu kurzes Leben in beklemmenden Gefängnissen verbringen müssen? Dass sie in unnatürliche Körper gezüchtet und gezwungen werden, auf so traurige, respektlose und beschämende Art und Weise zu Tode zu kommen? Und dass sich all das hinter einem ganz und gar harmlosen, fast schon nett klingenden, gesellschaftlich akzeptierten und genutzten Wort verstecken darf?

Genau so, wie es auch kommen kann, dass sich alles wieder ändert:


Sind nicht die größten Wahrheiten immer auch simpel?
André Kostolany

Kommentare:

  1. Servus!

    Danke für diesen tollen Beitrag! Ich kann Dich sehr gut verstehen. Bin ich doch leztens auch gesessen und habe glatt überlegen müssen was man statt lecker noch schreiben könnte. So fest eingefahren ist dieses Wort schon im Sprachschatz.

    Zu den anderen Einstellungen gegenüber dem Essen bin ich eher tolerant - jeder wie er mag - vegan, vegetarisch mit Laktose oder ohne.
    Was mir nicht gefällt ist, dass sich Grüppchen bilden die meinen ein besseres Leben zu führen weil sie ihr Essvehalten so wählen - Gutmenschen. Die finde ich bedenklich. Alles was zu radikal ist, ist mir suspekt.

    VG und schönen Sonntag noch
    Sandra

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  2. Lecker landet auch bei mir dieses Jahr wieder ganz oben auf der Liste, es verbreitet sich immer mehr, ich kann mich aber einfach nicht daran gewöhnen. Der Gipfel ist ein nuees Kochbuch, in dem die Übersetzerin in einem (kurzem!) Absatz doch glatt 3mal lecker untergebracht hat.

    Ich finde es aber gut, dass ein anderes Unwort bei dir die Nr 1 ist, ich hab das gleich einmal auf Facebook geteilt. Man kann es gar nicht oft genug betonen, was noch immer so alles schief läuft und wer es in der Hand hat, dass sich das endlich ändert!

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  3. Servus Sandra, grundsätzlich halte ich es ganz genau so wie du - jeder wie er mag ... Aber manche Dinge regen mich halt einfach ein bissl auf ;-)

    Bitte, Turbohausfrau! :-)

    Ja, Kärntnerin, als ich meine Unwörter so vor mir hatte, wars eigentlich glasklar, welches dann wirklich die Nr. 1 werden muss ...

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  4. Lange lese ich schon begeistert und still mit... aber heute kann ich nicht mehr still sein ;-)

    Ganz einverstanden bin ich nämlich nicht...
    Das Unwort "Laktosefrei" mag ja dich aufregen, aber mich regt auf, dieses Wort als "Unwort" zu bezeichnen.

    Ich gehöre leider zu denen, für die dieses Wort sehr wichtig ist.
    Es gibt kaum Dinge, die ich ohne (manchmal leichte, meist ziemlich schlimme) Nebenwirkungen essen kann.
    Lebensqualität ist, nicht bei so gut wie allen Lebensmitteln drauf achten zu müssten, was einem an Milchzucker untergejubelt wird.

    @Sandra: mit "jeder wie er mag" hat laktosefrei aber nix zu tun
    es ist nicht angenehm & einfach,... laktoseinterolerant zu sein

    lg
    Barbara

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  5. Liebe Barbara, ok, jetzt muss ich auch von meiner Seite etwas klar stellen. Dieses Unwort bezieht sich keineswegs auf jene Menschen, die tatsächlich laktoseintolerant sind bzw. bei denen die Unverträglichkeit auch von ärztlicher Seite diagnostisch bestätigt ist. Da hast du völlig recht - wahrscheinlich mag ich es mir gar nicht vorstellen, was da alles zu berücksichtigen ist...
    Leider aber erlebe ich in letzter Zeit immer häufiger, dass sich Bekannte / Freunde selbst gleich einmal vorsorglich auf Laktosediät setzen, weil sie vermuten, ihre Verdauungsstörungen könnten etwas mit dem Milchzucker zu tun haben (eben weil es grad so in Diskussion ist) - und zwar OHNE ärztliche Konsultation.
    Bzw. gibt es auch Ärzte, die vorsorglich zu einer laktosefreien Ernährung raten - ohne die Diagnose auch mittels Tests abzusichern. Das finde ich bedenklich...
    Es tut mir leid, wenn meine Aussage diesbezüglich etwas verschwommen war - ich hoffe, ich hab sie somit richtig gestellt.
    Und außerdem freu ich mich sehr, dass du eine begeisterte Leserin meines Blogs bist :-) Ich hoffe, das bleibst du!!!
    Liebe Grüße Maria

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  6. Danke liebe Maria!
    Natürlich bleibe ich eine begeisterte Leserin deines Blogs. Woher soll ich sonst die Motivation zum Kuchlkastl-Ausräumen, Verkochen und Verbacken finden. Neue Ideen mit den gesammelten Dirdln & Hetscherln find ich ja auch nur bei dir. Und wer macht denn heute noch anständiges Tiramisu mit Eiern? ;-)
    Danke!

    Liebe Grüße
    Barbara

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