Montag, 5. August 2019

Drachenmutter


Eigentlich hätte ich mit riesengroßen Augen, offenen Mündern und grenzenloser Bewunderung gerechnet, als ich mit blutrot gefärbten Fingern und einem Messer, von dem dunkle Flüssigkeit tropfte, in der Küche stand und meinen Kindern in großen, bunten Bildern und mit ausladenden Bewegungen vom Abenteuer erzählte, das ich soeben erlebt hatte:

An der Seite meines edlen und treuen Schutzhundes Chi war ich, ehrwürdiges Landweib von mittlerem Stand, ausgezogen, um als erste Frau des Universums den unbesiegbaren Mühlviertler Walddrachen zu bezwingen und dem ganzen Land Frieden zu schenken. Es war ein schwieriges Unterfangen, denn Mühlviertler Walddrachen haben Schädel aus Granit und sind unendlich ausdauernd, wenn es darum geht, sich im dichten Gehölz als moosbewachsene Riesensteine zu tarnen. Die Gier nach einem schnellen Hundehappen zwischendurch hat ihn aber irgendwann doch aus seinem Versteck gelockt – und dann war ich zur Stelle: Ich zog mein magisches Königskerzenschwert und mit einem Swooooosh ging er zu Boden, so schnell und leise, dass sogar die Vögel ringsum unbekümmert auf ihren Ästen hocken blieben. Ein Kinderspiel … Ha!



Und dann zeigte ich ihnen das, was da im Topf gerade leise vor sich hin brodelte: Drachenblutsuppe. Tiefrote, dicke, gefährlich gut schmeckende Drachenblutsuppe.

NICH lutsits!, meinte das Käferlein. Wääääh!!! … sagte der kleine Mann und rannte davon. Und das Minimädel sah mich mitleidig an, als hätte ich irgendwie den Verstand verloren. Vielleicht hätte ich ihnen doch die Version erzählen sollen, in der ich den Drachen durch wunderschöne geflüsterte Worte besänftige und dann mit Königskerzenkraft in ein Eichhörnchen verwandle, das nun friedlich seine Waldrunden zieht? Nur: Wo hätte denn da bitte die Suppe ihren Platz gehabt …!?



Einfache Rauna-Kartoffel-Suppe

Ob ihr es glaubt oder nicht: Nach anfänglichem Naserümpfen (und nachdem wir festgestellt hatten, dass die Suppe genau die gleiche Farbe hat wie der Lack von Ferguson-Traktoren) haben die Kinder dann doch ordentlich zugelangt. Alle! Und schließlich ist meine Raunasuppe sogar zur neuen Lieblingssuppe des kleinen Mannes erklärt worden! (Sorry, Kürbis, wir hatten eine gute Zeit.) Sie heißt halt jetzt Lacksuppe, aber damit kann ich leben …
Übrigens: Frisch gekocht war die Suppenfarbe tiefrot. Erst durch das zweite Aufwärmen ging sie mehr ins Pinke über. Spannend!

Zutaten

frische rote Rüben
ungefähr dieselbe Menge Kartoffeln
Gemüsesuppe
Salz
Pfeffer
ein Schuss Schlagobers, aber nicht zu viel (wegen der Farbe!)

1. Die roten Rüben und Kartoffeln schälen und in grobe Stücke schneiden. In einen ausrechend großen Topf geben und gut mit Gemüsesuppe bedecken.

2. Aufkochen lassen, die Hitze reduzieren und dann die Knollen in etwa 15 Minuten gar köcheln lassen.

3. Die Suppe fein pürieren (sollte sie zu dick sein, noch etwas Wasser oder Suppe zugeben), mit Salz und Pfeffer abschmecken und mit Schlagobers abrunden.


Tipp: Dieses Rezept ist sehr sehr Basic, einfach, unraffiniert und schnörkellos. So koche ich, wenn wirklich nicht viel Zeit ist und ich meinen Kindern dennoch etwas Gesundes und Nahrhaftes auf den Tisch stellen möchte. Und um ehrlich zu sein: So mögen es die Kleinen am liebsten. Ihnen kann es meistens gar nicht unkompliziert genug sein.
Wenn das Zeitfenster größer ist, mache ich gerne mehr: Gewürze wie Majoran, Kümmel und Galgant passen wunderbar oder frische Kräuter aus dem Garten. Der Geschmack lässt sich mit einer Einbrenn oder angebratenen Zwiebeln vertiefen. Der Suppe gefallen auch Schlagobershäubchen, bunte Blüten, geröstete Kerne, Röstbrotscheiben oder Wildkräuter-Croûtons. Wie es beliebt!

Kommentare:

  1. Oh, was habe ich jetzt gelacht - grossartig. Es ist aber noch genügend sommerlich für kalte Suppen, und Randen/Rauna bieten sich dafür an. Ich schicke Dir unser Lieblingsrezept für kalten Borschtsch separat. Gruss Bea

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  2. Selbst wenn ich genug Zeit zum Kochen habe, handle ich oft nach dem Motto: Warum kompliziert, wenn's auch einfach geht? Gute Zutaten, Freude am Essen, Zeit zum Geniessen. Mehr braucht's nicht.

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  3. Liebes ehrwürdiges Landweib von mittlerem Stand ;-) Bei uns heißens "Rohnen" und sind heiß begeehrt, weil man dann so schön rosa Lulu machen kann - findet btw mein Mann auch - du siehst wir sind gerade in der fäkalen Phase, trotzdem hoffe ich, dass sie auch nach Abschluss derer noch Lust auf Rauna haben, weil vorzugsweise mit frischen Kren in allen Varianten zählt es halt zu meinem Lieblingsgemüse, glg Uli

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  4. Einfach köstlich erzählt! Wundervoll arrangiert! Drachengroßes Wooooah!!!

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  5. Großartig geschrieben! Und eine tolle Farbe - da würde ich auch sofort loslöffeln, für mich dann auch gerne mit ein paar mehr Gewürzen und dieser wunderschönen Deko :)
    Lg, Miriam

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  6. Liebe Maria,

    ich lese deinen Blog seit einem Monat und bin einfach begeistert. Die tollen Rezepte und
    Geschichten begleiten mich jeden Tag und bereiten mir sehr viel Freude.
    Heute hab ich den Sonntagszopf nachgebastelt - als Riesenzopf, der morgen zum Frühstück verspeist wird.
    Alles Liebe, Sabine

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  7. Eine wunderschöne Geschichte und eine köstliche Suppe - da kommt Freude auf, auch wenn die Kleinen eher pikiert geschaut haben.
    Liebe Grüße
    Sigrid

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