Sonntag, 5. Mai 2019

Der Mai


Kindern Brauchtum zu vermitteln, ist ein besonderes Geschenk. Ihre Offenheit und Begeisterung stecken an, ihre Fragen beflügeln. Wie war das damals mit den Hexen? Und gibt es sie auch heute noch? Was ist die Walpurgisnacht? Glaubst du das auch, dass die Hexen auf ihren Besen zu magischen Plätzen geflogen sind und dort Zauberfeste gefeiert und wild getanzt haben?

Ich stelle es mir vor – und diese Vorstellung macht mich fröhlich: Unbeschwerte, starke Frauen in ihrem eigenen, verschworenen Kreis … Gelächter und Augenzwinkern, Schwestern allesamt und vereint gegen dunkle Mächte. In Wahrheit freilich sah es anders aus. Die Hexentreffen waren Rituale weiser, kluger Frauen, die im Dunkel der Nacht ihre Geheimnisse tauschten. Und so wie es damals Hexenmacher gab, die dieses Wissen verteufelten und alle Menschen, die danach lebten, so gibt es sie auch heute noch. Sie sind mitten unter uns: An unseren Ängsten und Vorurteilen können sie sich trefflich bedienen, denn sie machen uns manipulierbar und kontrollierbar.

Dabei steckt doch in jedem von uns eine Hexe, ein Zauberer. Wir alle fühlen uns der Natur verbunden, irgendwie. Wir alle lieben Rituale, lassen uns gerne verzaubern und verführen, tragen die Sehnsucht nach einer heilen Welt in uns, die ja doch so viele verschiedene Gesichter haben kann wie es Menschen gibt.
Mit dem Mai ist nun endgültig der Winter vorbei, alles sprießt und grünt. Fröhlich und ausgelassen wird auch heute noch der Frühling begrüßt, allerorten werden Maibäume aufgestellt, Maistriche gesetzt oder Maiköniginnen gekürt. An einem Ritual im Kleinen habe ich mich heuer mit meinen Kindern versucht: Wir haben Maikränze gebastelt. Ein federleichtes Flattern im Wind, ein buntes Treiben, wie schön!



Maikränze zu basteln ist kinderleicht: Dünne, junge und biegsame Äste mit frischem Grün (Birke oder Hasel) werden zu einem Kranz in der gewünschten Größe gebogen und mit dünnem Draht fixiert. An diesem Kranz werden bunte Bänder befestigt, außerdem kann er noch mit Blättern und Blüten verziert werden. Nun noch etwas Draht oder Faden zum Aufhängen befestigen – fertig.

Übrigens, Eilmeldung: Aus unserem Kindergarten wurde der Maibaum gestohlen! Der kleine Mann ist ganz aufgeregt. Aber es wurde bereits die Auslöse festgesetzt: 100 Eislutscher von den diebischen Dieben! (Und wenn ihr es nicht weitersagt, dann verrate ich euch auch, wer es war: Die Bewohner des Seniorenheims gegenüber :-)).


Der Mai

Im Galarock des heiteren Verschwenders,
ein Blumenzepter in der schmalen Hand,
fährt nun der Mai, der Mozart des Kalenders,
aus seiner Kutsche grüßend, über Land.

Es überblüht sich, er braucht nur zu winken.
Er winkt! Und rollt durch einen Farbenhain.
Blaumeisen flattern ihm voraus und Finken.
Und Pfauenaugen flügeln hinterdrein.

Die Apfelbäume hinterm Zaun erröten.
Die Birken machen einen grünen Knicks.
Die Drosseln spielen, auf ganz kleinen Flöten,
das Scherzo aus der Symphonie des Glücks.

Die Kutsche rollt durch atmende Pastelle.
Wir ziehn den Hut. Die Kutsche rollt vorbei.
Die Zeit versinkt in einer Fliederwelle.
O, gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai!

Melancholie und Freude sind wohl Schwestern.
Und aus den Zweigen fällt verblühter Schnee.
Mit jedem Pulsschlag wird aus Heute Gestern.
Auch Glück kann weh tun. Auch der der Mai tut weh.

Er nickt uns zu und ruft: „Ich komm ja wieder!“
Aus Himmelblau wird langsam Abendgold.
Er grüßt die Hügel, und er winkt dem Flieder.
Er lächelt. Lächelt. Und die Kutsche rollt.

Erich Kästner

Kommentare:

  1. Mit dem Mai ist der Winter vorbei? Gestern bei uns: Dicke Schneeflocken. Heute Nacht: Gefahrenmeldungen wegen Bodenfrost. Heute: Schneeregen....

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    1. Und diese Nacht schneit es wohl bei uns ... Mal schauen, ob die Tomaten das überleben ;-)

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