Mittwoch, 24. Oktober 2018

Meins!?


Der Sprachschatz des Käferleins entwickelt sich – und ähnlich wie bei meinen älteren Kindern nehmen auch hier Wörter wie mir oder meins vorderste Stellungen ein. Das ist doch bemerkens- und überlegenswert: Das Erlangen und Bewahren von Hab und Gut (und das Streben nach Autonomie, das wohl damit verbunden ist), es scheint irgendwie in uns einprogrammiert zu sein.

Mir fällt das auch beim Blättern durch Foodblogs, Kochbücher (sogar von Haubenköchen!) und Rezeptmagazine auf. Da wird kopiert, geklaut und abgeschrieben, nachgemacht und recycelt, was das Zeug hält. Und in den allermeisten Fällen ohne Angaben zu Urhebern oder Inspirationsquellen. Das ist nun vielleicht vielen egal und fällt auch nicht jedem auf. Einem Foodie mit einem gewissen Sinn für Gerechtigkeit, der viel, oft und gerne in der Szene unterwegs ist, aber schon.




Über Kupfern als Kavaliersdelikt hat sich Katha schon vor 5 Jahren so ihre – wie stets kritischen – Gedanken gemacht. Seitdem hat sich nichts an der Situation verbessert, ganz im Gegenteil. Abschreiben und Plagiieren ist eine gesellschaftlich akzeptierte Vorgehensweise geworden, Gratismentalität zur Normalität, geistiges Eigentum zur nicht erwähnenswerten Nebensache. Wo ein Rezept herkommt, interessiert niemanden mehr. Das ist ärgerlich, denn ich finde, es gehört sich nicht, sich so völlig unbeeindruckt mit fremden, bunten Federn zu schmücken. Und es ist schade, denn das eigentlich Spannende an Rezepten und Gerichten ist doch die Geschichte dahinter, das Drumherum, das Zusammenspinnen der Fäden, die dann zum schlussendlichen Ergebnis führen.


Wann ist ein Rezept mein Rezept? Diese Frage lässt sich zugegebenermaßen nicht so leicht beantworten. Das meiste ist schon einmal dagewesen, irgendwo lehnt man sich immer an, vieles liegt einfach in der Luft. Die ganze Welt ist ein unendlicher Quell an Inspiration. Wann also? Wenn ich eine Zutat gegen eine andere austausche, etwas hinzufüge, etwas wegnehme? Wenn ich wesentliche Zubereitungsschritte verändere? Wenn ich ein spannendes Brotrezept finde und daraus Brötchen backe? Und was ist mit Rezepten, bei denen es keine Infos zur Quelle (mehr) gibt? Was ist mit den Sammelrezepten der Oma, fein säuberlich ausgeschnitten und in ein Büchlein geklebt? Was ist mit den Tratschrezepten, die ich so liebe, überliefert beim Kaffeeklatsch, beim Friseur oder der Haushaltwarenparty? Oder mit den gut gehüteten und vielfach erprobten Rezepten aus dem Familienschatz, bei denen nicht mehr nachzuvollziehen ist, woher sie stammen?



Zum Thema Rezepte & Recht sagt das Urheberrecht folgendes:

*Aus urheberrechtlicher Sicht muss zwischen Rezept als Beschreibung (= Form) und Rezept als Idee (= Inhalt) unterschieden werden. Urheberrechtlich geschützt sein kann nur ein Rezept als Beschreibung, also die sprachliche Form. Nicht die Idee zu einem bestimmten Gericht kann also geschützt sein, sondern nur die Darstellung dieser Idee, ganz gleich wie originell sie auch ist. Zum Beispiel: Die Idee, lila Karotten mit einigen weiteren Zutaten zu einem Teig zu verarbeiten und daraus Gnocchi zu formen, ist urheberrechtlich nicht schützbar. Beschreibt man diese Idee allerdings in einem Rezept, so kann diese Beschreibung urheberrechtlich geschützt sein.

*Damit die Beschreibung, also die Form des Rezepts, schützbar ist, muss sie in einem unverwechselbaren, sehr persönlichen Stil verfasst sein, der einen hohen Anteil an individuellen Formulierungen aufweist. Man spricht in diesem Zusammenhang vom Erreichen der Schöpfungshöhe. Ausschweifende, poetische Worte machen eine Bedienungsanleitung, die ein Rezept ja grundsätzlich ist, zu einem schützbaren literarischen Werk (das sich aber sehr schnell wieder in eine nicht schützbare Bedienungsanleitung zurückformulieren lässt, indem man das Rezept auf Zutaten, Mengenangaben und die in eigene Worte gefasste Zubereitungsanleitung reduziert – geschützt ist wie gesagt nur die Form, nicht der Inhalt).



Nehmen wir als Beispiel das nachfolgende Rezept. Es besteht aus folgenden Komponenten:

Bezeichnung des Gerichtes
Lila Karottengnocchi mit Salbei-Knoblauch-Butter & Parmesan ist eine rein beschreibende Formulierung ohne schützbare Form.

Zutatenliste mit Mengenangaben
Sie sind ganz grundsätzlich nicht urheberrechtlich geschützt, auch wenn ich mir die Zutaten und Mengen selbst zusammengeschustert habe.

Beschreibung der Zubereitung aus den angegebenen Zutaten
Sie wäre nur dann geschützt, wenn ich sie in meinem ganz persönlichen, unverwechselbaren Stil verfasst und vielleicht sogar noch mit individuellen Anekdoten und Erinnerungen angereichert hätte. Die einfache, sachliche Beschreibung der Arbeitsschritte, die ich für fast alle Rezeptbeschreibungen wähle, erfüllt das Kriterium der Schöpfungshöhe jedoch nicht.

Bilder zu Zutaten, Zubereitungsschritten und dem fertigen Gericht
Sie sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne meine Zustimmung nicht vervielfältigt, verbreitet oder bearbeitet werden.



Das heißt also: Das untenstehende Rezept, das ich wohl ohne rot zu werden als meins bezeichnen kann, ist bis auf die Fotos dazu urheberrechtlich nicht geschützt. Es erreicht aufgrund seiner Struktur und Formulierung nicht die notwendige Schöpfungshöhe, daher besteht auch kein Schutz vor der Verwertung durch andere. Jeder kann es nehmen wie es ist, vervielfältigen und veröffentlichen, ohne meinen Namen oder Blog erwähnen zu müssen. Es ist also letztlich (und lediglich) eine Frage von Respekt und Wertschätzung, ob man nun ein fremdes Rezept mit einer Quellenangabe versieht (und damit dem Urheber Danke sagt, gell Katha?) oder ob man es der eigenen Person zuschreibt, ohne weiter darüber nachzudenken.


Wie soll man umgehen mit den Ideen und Rezepten anderer? Meine Meinung dazu in aller Kürze:

*Kopiert man ein Rezept 1:1, so gebieten es Anstand und Fairness, die Quelle zu nennen.

*Lässt man sich inspirieren, so wäre es schön (und für viele andere auch spannend und interessant), den Quell der Inspiration ebenfalls zu nennen. Hier sehe ich die Sache aber entspannter. Wandelt man ein Rezept ab, bringt man eigene Ideen ein, passt es an persönliche Vorlieben an, so hat man sich mit dem Rezept auseinandergesetzt und eine eigene kreative Leistung erbracht.

*Bei Grundrezepten wie Biskuitteig, Vanillepudding oder Gemüsebrühe halte ich Quellenverweise für nicht nötig.

Mir selbst fällt kein Zacken aus der Krone, meine Quellen zu nennen, wo es welche gibt, und ich bemühe mich nach Kräften, diese wertvolle Zusatzinfo durchgängig zu meinen Rezepten dazu zu schreiben (flattert halt kein Verlagsangebot für ein Mädel vom Land-Kochbuch mit 100 eigenen Rezepten hier rein, obwohl ich 1000 Ideen dazu hätte, aber damit muss ich wohl leben ;-). Nachahmung ist doch immer noch die schönste Form der Bewunderung, oder etwa nicht?


Lila Karottengnocchi mit Salbei-Knoblauch-Butter & Parmesan

Wer hätte das gedacht, dass lila Karotten nicht nur ganz wunderbar aussehen, sondern sich auch hervorragend als Hauptzutat für Gnocchi eignen? Die Farbe der Karotten ist überraschend gut erhalten geblieben und ich hab das Gericht als Ganzes sehr genossen.

Zutaten für 3 – 4 Portionen

Für den Teig
400 g lila Karotten (geputzt gewogen)
1 Ei
1 Dotter
150 g Mehl
75 g Magertopfen
2 EL geriebener Parmesan
4 EL Grieß
Salz, Muskat

Für die Salbei-Knoblauch-Butter
125 g Butter
1 kleiner Bund Salbei
2 Knoblauchzehen

Außerdem
Hartweizengrieß zum Ausformen der Gnocchi
frisch gehobelter Parmesan
Pfeffer aus der Mühle

1. Für die Gnocchi die Karotten reiben und mit Ei und Dotter pürieren. Die restlichen Zutaten zugeben und zu einem homogenen, relativ weichen Teig verarbeiten. Etwa 30 Minuten anziehen lassen, dadurch wird der Teig eine Spur fester.

2. In der Zwischenzeit die Butter in einem kleinen Topf bräunen (Nussbutter herstellen). Filtern und beiseitestellen. Vom Salbei die Blätter abzupfen, die Knoblauchzehen fein blättrig schneiden.

3. Einen großen Topf mit Wasser aufkochen.

4. Den immer noch relativ weichen Teig auf der gut mit Hartweizengrieß bestreuten Arbeitsfläche in Portionen teilen. Rollen formen und Gnocchi abschneiden.

5. Sobald das Wasser im Topf kocht, salzen. Die Gnocchi im Wasser portionsweise etwa 2 Minuten köcheln lassen, bis sie oben schwimmen. Mit einem Schaumlöffel herausheben, abtropfen lassen und auf einem kleinen Blech beiseitestellen. Etwas von der Kochflüssigkeit wird noch benötigt!

6. Nussbutter in einer Pfanne erhitzen. Salbeiblätter und Knoblauchzehen dazu geben und kurz anschwitzen. Mit etwas Kochflüssigkeit aufgießen und etwa 2 Minuten einreduzieren lassen.

7. Die Gnocchi in die Pfanne geben und unter Schwenken erhitzen.

8. Auf Tellern anrichten und mit Parmesan und Pfeffer bestreut servieren.


Kommentare:

  1. Liebe Maria, wie recht ich dir gebe! Nur - wie du auch geschrieben hast - ist die Realität nun mal eine andere. Die Haltung ist schön... alleine es fehlt an der Umsetzung. Die meisten - und damit meine ich die allermeisten - wandeln ein Rezept minimal um (Austausch ein, zwei unbedeutender Zutaten), schreiben die Zubereitung um und *Knoffhoff* ist es ihr eigenes Rezept geworden. Man will ja schließlich auch wer sein...

    So kann ich deinen *Brandbrief* nur unterschreiben - ich bezweifle aber, dass sich dadurch etwas ändert. Um sich *einzureihen* braucht es eine gewisse Größe und der geht vielen ab. Weit mehr als eine *Rechtslage* ist das Übernehmen von Rezepten und der Umgang damit eine Frage des Charakters...

    liebe Grüße
    Die Moosherzen... mein Lieblingsbild!

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    1. ... ersetze ein *der* durch ein *die*...

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    2. Knoffhoff ... Zauberei! Du sagst es ;-)
      Und ja, eine Frage des Charakters ... zu 100 % geb ich dir recht ...
      Alles Liebe!

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  2. Ich bin auch Deiner Meinung - ich halte Quellenangaben einfach für eine Ehrensache. Aber ich gebe zu, inzwischen bin ich beim Lesen auch etwas abgestumpft; oft fällt mir das Abgekupferte nur noch auf, wenn es ganz krass ist.

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    1. Hm, mir sticht es - noch - so richtig ins Aug' ... ;-)
      Liebe Grüße!

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  3. Natürlich muss man Quellen kennzeichnen. Es gibt ja so etwas wie Moral auch noch in den Tiefen des Internets.
    Was mich wurmt: Dass ich Quellen anscheinend als Werbung kennzeichnen muss. Wenn über fast jedem Posting dann "Werbung" drübersteht, nur weil ich die Idee woanders gesehen habe, dann tut das schon weh.

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    1. Ja, echt? Arg, wusste ich nicht - und werd ich auch nicht als "Werbung" kennzeichnen ... Pff.

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  4. bin ganz deiner Meinung; nennen sollte man die Quellen auf alle Fälle, aber ich verlinke in letzter Zeit nicht mehr automatisch, nur mehr zu anderen Blogs. Alles andere lässt sich im Internet eh leicht finden.
    Dass diese Karotten sooo färben, ist interessant, obwohl mir diese Farbe nicht gerade Gusto macht... lg

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    1. Da kommt wohl dein Urinstinkt durch ... ;-) Blau / Lila = Giftig, haha! Alles Liebe!

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  5. Liebe Maria,
    sehr schön geschrieben. Ich habe mich immer schon gefragt, wie so viele BloggerInnen es schaffen, eigene Teigrezepte zu entwickeln und überhaupt so eine Vielzahl an eigenen Rezepten anzubieten :-). Aber vielleicht sind das ja gar nicht alles Eigenkreationen?!?
    Ich mag es, dass sogar große Köche in ihren Büchern oft die Inspiration oder die Vorlage angeben. Das gehört sich einfach so. Und es schmälert ja die eigene Leistung nicht!
    Liebe Grüße
    Eva
    PS: Die Farbe der Gnocchi ist grandios. Ich würde ordentlich reinhauen!

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  6. Liebe Maria,
    ich finde die Farbe deiner Gnocchi klasse, im ersten Moment dachte ich, es wären Rote Bete Gnocchi, aber jetzt würde ich zu gerne mal lila Möhren ausprobieren. Mit Interesse habe ich deine Gedanken gelesen und danke dir dafür, dass du dich so intensiv mit diesem wichtigen Thema auseinandergesetzt hast.
    Liebe Grüße
    Sigrid

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    1. Gern, liebe Sigrid ... Ja, die Farbe ist schon interessant ... Vor allem, dass sie so kochstabil ist! :-)

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  7. Sich von anderen inspirieren lassen ist eine Sache, ein Rezept abzuschreiben und ohne Quellenangabe als sein eigenes zu veröffentlichen die andere. Richtig ärgerlich finde ich es, wenn ich Rezepte von anderen in Kochbüchern wiedererkenne. Zubereitungstext ein wenig abgeändert, und das Urheberrecht ist kein Thema mehr :-(

    Ich mag den Geschmack von Urkarotten total gerne, aber meine Tageskinder finden die Farbe nicht ganz so witzig. Weder roh zum Knabbern, noch irgendwo gekocht. Verstecken lässt sich die ja leider nicht so gut ;-)

    Liebe Grüße, Julia

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    1. Hihi, das stimmt, Verstecken geht in dem Fall nicht ;-) Vor ein paar Tagen hat mein Mann Nudelsuppe gekocht und hat wie immer ein paar Karotten reingeschnippelt ... nur, dass es eben die lila Karotten waren. Und die Farbe der Suppe dann: tiefstes Lila. Voll schön, fanden das Minimädel und ich - nur die Jungs ließen vorsichtshalber die Finger davon :-)))
      Liebe Grüße!

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    2. Ungeplanter Weise habe ich damit mal eine Gemüsesuppe in eine lila Cremesuppe verwandelt. Darüber waren meine kleinen Gäste alles andere als erfreut... :-D

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  8. Danke für deine ausführlichen Beschreibungen und Infos zum Urheberrecht. Ich denke, dass es eine Frage der Wertschätzung seiner Inspirationsquelle ist, wenn sie erwähnt wird - auch, wenn sie selbst das Rezept vielleicht gar nicht entwickelt hat. Manche meinen immer noch, dass "teilen" in unserem Fall "weniger" macht ... ach, wie schade, dass sie nicht verstehen, dass es "mehr" macht ... Alles Liebe, Eva

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