Samstag, 7. November 2015

Verknappung im Überfluss


Willst du was gelten, mach dich selten. Eine paradoxe Weisheit, die in ihrer Widersprüchlichkeit alles andere als haltlos ist. Es ist nämlich genau das Gefühl der Unerreichbarkeit, das verkrampfte Willhaben-Reflexe in uns auslöst. Was nicht (mehr) greifbar ist, begehren wir umso mehr. Ein Klassiker: Die Bar-Bekanntschaft, die genau in dem Moment vom Durchschnittstypen zum Superhero mutiert, in dem das Telefon still bleibt.

Natürlich ist das auch beim Essen so (und der eigentliche Grund, warum die allermeisten Diäten nicht funktionieren, aber das nur nebenbei). Wobei ich der zeitweisen Nichtverfügbarkeit von Lebensmitteln ganz schön was abgewinnen kann – vor allem angesichts des Überflusses, in dem wir heute leben. Vergänglichkeit bewahrt vor Übersättigung, meint Michael. Lebensmittel im jahreszeitlichen Wechsel zu erleben, verwöhnt uns mit leiser Vorfreude, bald schon mit übermäßiger Sehnsucht, bis sie irgendwann und endlich da ist, die Zeit der Reife, die Zeit der Ernte. Ist das nicht schön?, fragt er. Ja, das ist schön.

Umgekehrt verliert vieles seinen Reiz, wenn es allzu oft auf den Tisch gebracht wird. In warmen und feuchten Jahren kann mir das mit Eierschwammerln passieren, die, dank der ausufernden Sammelleidenschaft meiner Schwiegermutter, die sich wenn nötig auch im Laufschritt durch den Wald bewegt, um ihre Schwammerlplätze vor konkurrierenden Pensionisten zu verteidigen, eine gewisse Zeit lang doch recht häufig auf dem Speiseplan stehen. Schnell habe ich die kleinen gelben Kerle dann satt – im wahrsten Sinne des Wortes. Und das ist mehr als schade.

Heuer hatte ich nicht mit einer derartigen Übersättigung zu kämpfen, denn das Schwammerljahr war ein schlechtes. Dementsprechend ausgehungert bin ich immer noch, was mein Pilzgerichte-Kontingent 2015 betrifft. Daher:


Carpaccio vom Kräuterseitling

Kräuterseitlinge sind meine absoluten Favoriten unter den Pilzen. Ihr feines Aroma und ihr festes Fleisch sind eine wahre Freude. Sie können natürlich auch roh verzehrt werden, was ich absolute empfehle! Das Rezept für dieses kleine Gericht lag wohl einmal in meiner Biokiste, ganz genau kann ich es aber leider nicht mehr sagen.

Zutaten für 2 Personen

4 – 6 frische Kräuterseitlinge (je nach Größe)

Für das Dressing
½ kleine Zwiebel
1 Handvoll frische Gierschblätter (ersatzweise Petersilienblätter, oder beides gemischt)
Salz, Pfeffer
1 EL Olivenöl
2 EL weißer Balsamico-Essig
1 Schuss Wasser
1 Spritzer Zitronensaft
¼ TL Estragonsenf

Zum Servieren
Baguette, Vollkorntoastbrot oder getoastetes Schwarzbrot

1. Die Kräuterseitlinge sauber putzen und in sehr dünne Scheiben schneiden. Auf Tellern arrangieren.

2. Zwiebel fein hacken, Giersch- und / oder Petersilienblätter ebenfalls.

3. Alle Zutaten für das Dressing gut vermischen.

4. Die Pilze mit dem Dressing beträufeln und 10 Minuten ziehen lassen.

5. Die marinierten Kräuterseitlinge mit Brot servieren.


Dieses Carpaccio ist übrigens auch perfekt geeignet, um seine(n) Liebste(n) bei einem Waldspaziergang mit einem feinen, minimalistischen Picknick zu überraschen. Einfach die Pilze im Ganzen und das Dressing in einem Schraubglas mitnehmen. Die kleine Kocherei, die dann vor Ort noch notwendig ist, sorgt bestimmt für die richtige Stimmung …

Und Schwupps - rüber damit in Zorras kochtopf, wo Barbara & Mario das Blogevent Wild &Pilz ausrichten!

Kommentare:

  1. das klingt köstlich, Ich find immer nur Parasole und die meist einzeln (
    lg Sina

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    1. Die Kräuterseitlinge lassen sich in der Wildnis eh nicht "finden", nur im Geschäft ;-)
      Bei uns gibt es schon einiges an Pilzen in den Wäldern, aber so richtig auskennen tu ich mich nicht ...
      Liebe Grüße!

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  2. Ich habe gestern mal wieder - auf dem Viktualienmarkt gekaufte - Steinpilze in Rahmsosse und mit Semmelknödel gemacht. Traumhaft wegen Megaverknappung, ich bin im Gegensatz zu deiner Schwiegermutter beim Schwammerlsuchen eine Null.

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  3. Ich werde vielleicht auch mal Capaccio probieren. Die Kräuterseitlinge lachen mich zwar jedes Mal an, wenn ich sie sehe, aber irgendwie bekommen Sie bei mir immer gummiartige Konsistenz wenn ich sie gare. Hast einen Tipp?

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    1. Jössas, die verehrte Frau Ziii - schön, dass du hier bist! Gleich vorweg einmal: Ich liebe dein Buch - es ist eine Freude, darin zu blättern. Sehr, sehr schön. Und ganz du :-)
      Einen Tipp willst DU von MIR - das ehrt mich aber schon ... Ich glaub, dass es wichtig ist, die Pilze nicht zu lang zu garen - besser kurz und knackig. Oder gleich Carpaccio machen ...
      Liebe Grüße!

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  4. Hallo Maria,

    vielen Dank für das tolle Rezept! Ich schätze Kräuterseitlinge sehr als Pilze. Neben dem feinen Aroma bieten sie eine kernige Konsistenz und sind in der Küch vielfältig einsetzbar. Das Du dann für die Vinaigrette auch noch mit Giersch arbeitest finde ich prima. Gerade Wildkräuter, die teilweise im Garten auch sehr lästige Unkräuter sind, bieten enorm viele tolle Aromen. Leider sind Wildkräuter immer noch vollkommen unterschätzt und es freut mich sehr, das Du sie verwendet hast!

    Viele Grüße
    Mario

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    1. Schön, dass du hierher gefunden hast, Mario! Danke für das schöne Event-Thema :-)
      Liebe Grüße!

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