Freitag, 20. November 2015

Der innere Zwang, den Mund aufzumachen


Es ist ein leichtes, in den kleinen Mann verknallt zu sein. Allein beim Essen: Das süße Schnäbelchen, das sich beim ersten Bissen nur zaghaft öffnet und sich dann immer, immer verzieht, egal, wovon er gerade kostet. Das leise Babyschmatzen, das interessierte Schmecken, das insistierende Verlangen nach mehr (oder auch nicht).

Ich hingegen möchte beim Füttern unbeobachtet sein – und bleiben. Halte ich nämlich dem kleinen Mann ein Löffelchen hin, öffnet sich zeitgleich mit seinem auch mein Mund, ohne dass ich es will. Versuche ich, diesen Reflex zu unterdrücken, tritt eine seltsam starre, fast groteske, auf jeden Fall komische Mimik zutage. Und wenn ich dabei auch noch rede, hört sich das an, als hätte ich meine sieben Zwetschken nicht mehr beisammen. Das soll keiner sehen. Das darf keiner sehen. Zumindest: Wenn ich andere Mütter beim Füttern beobachte, weiß ich: Ich bin nicht allein.

Wäre der innere Zwang, den Mund aufzumachen, nur immer so stark: Wenn ich Nutztiere in grottenschlechten Haltungsbedingungen sehe. Oder Hunde, die unter der Willkür ihrer Besitzer leiden. Allzu oft kommt mir da meine Höflichkeit dazwischen … Oder ist es einfach nur Feigheit?
Immerhin, kürzlich habe ich den Mund aufgemacht, als ich im Reitstall ein Mädchen fragte, wofür denn diese äußerst brutale Watschn auf die empfindliche Pferdeschnauze jetzt eigentlich war. Sie wurde puterrot im Gesicht und ich hatte das Gefühl, dass sie es plötzlich selbst nicht mehr so genau wusste. Den Spiegel vorgehalten zu bekommen, ist oft sehr gesund – vor allem, wenn man sich darin nicht erkennt oder sich zumindest selbst nicht sonderlich sympathisch ist.

Herrje, und nun bin ich tatsächlich an einer etwas unangenehmen Stelle angelangt: An der schwerfälligsten Überleitung ever hier im Blog. Nämlich, ihr ahnt es bereits: Es geht um den inneren Zwang, den Mund aufzumachen – in kulinarischen Angelegenheiten. So wie bei diesen Brötchen hier, die ich vor einiger Zeit bei Micha entdeckt hatte (die bei Stephanie fündig wurde). Neben den viel versprechenden Zutaten, die mich geradezu eingeladen haben, sie nachzubacken, hat es mir vor allem die Form angetan – die kleinen Knoten sehen ja beinahe wie Semmerl aus!


Kamutweckerl mit Kartoffel und Joghurt

Genau wie Micha habe auch ich den Brötchen meine persönliche Note gegeben und das ursprüngliche Rezept ein wenig nach meinem Geschmack abgeändert. Wir mögen sie gerne als bodenständige Jausenbrötchen, herzhaft belegt schmecken sie auch am nächsten Tag noch gut.

Zutaten für 10 Stück

125 g Joghurt
275 g gekochte und gepresste Kartoffeln
200 g helles Kamutmehl
200 g Vollkorn-Kamutmehl
25 g Rapsöl
30 g Wasser
10 g Sauerteig aus dem Kühlschrank
10 g Salz
2 g frische Hefe

Zum Eintauchen
Mohn, Sesam, …

1. Am Vorabend alle Zutaten in eine Rührschüssel geben und erst 5 Minuten auf langsamer, dann 8 Minuten auf mittlerer Geschwindigkeitsstufe kneten. Der Teig ist weich, aber kaum klebrig.

2. Den Teig in der Rührschüssel belassen, abdecken und 10 – 12 Stunden bei Raumtemperatur stehen lassen. Damit der Teig nicht austrocknet, könnte man zur Sicherheit die Oberfläche mit Frischhaltefolie abdecken – ich habe den Teig jedoch nur mit einem Geschirrtuch abgedeckt und die Oberfläche war keineswegs trocken.

3. Am nächsten Tag den Teig aus der Schüssel nehmen und kurz durchkneten. In 10 Teile teilen.

4. Jedes Teigstück auf einer bemehlten Arbeitsfläche zu einem Strang von etwa 35 cm Länge ausrollen.

5. FORMEN:

In der Mitte des Teigstrangs einen lockeren Knoten machen.


Das freie Ende, das unterhalb des Knotens liegt (am Bild rechts vom Knoten) wird nun von oben durch das Loch in der Mitte gezogen.


Das freie Ende, das oberhalb des Knotens liegt (am Bild links vom Knoten) wird unter dem Knoten versteckt. Wer mag, zieht dieses Ende noch von unten durch das Loch in der Mitte nach oben, sodass der Zipfel zu sehen ist.


6. Die Oberfläche der Knoten mit Wasser befeuchten und nach Wunsch in Mohn oder andere Samen tauchen. Die Oberfläche kann aber auch so bleiben, wie sie ist.

7. Die Brötchen auf ein mit Backpapier ausgelegtes Blech legen und 45 Minuten an einem warmen Ort gehen lassen.

8. In der Zwischenzeit das Backrohr auf 250 °C vorheizen.

9. Die Brötchen rasch in das vorgeheizte Rohr einschieben, nochmals mit Wasser besprühen und das Rohr sofort schließen, damit der Dampf nicht entweicht.

10. Die Brötchen etwa 20 Minuten backen.

Kommentare:

  1. Haha das mit der reflexartigen Bewegung kenn ich vom Yoga - wenn wir die Zehen spreizen sollen, schauen alle runter und spreizen dazu die Finger. Deine Semmerl sind schön, aber ich bin schon froh, wenn ich irgendwann deinen Salamander hinkriege...

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    1. Hihi, grad bildlich vorgestellt, das mit den Zehen und den Fingern ;-)))

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  2. Ja, diese reflexartigen Bewegungen. In deinem Fall find ich das doch sehr schön, weil es die Verbundenheit mit deinem Junior zeigt.
    Sehr fesch sind diese Kammutweckerln gelungen! Mal schauen, ob ich das auch zusammenbringe.

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    1. Sicher bringst du das auch zusammen! Liebe Grüße! :-)

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  3. Versrpochen: ich wäre das stillste Mäuschen, wenn ich beim Füttern zugucken dürfte :)
    Und herjeh JA, auf jeden Fall FÜR Mundaufmachen. Wir sind doch alle betriebsblind und brauchen andere immer wieder als Spiegel, um uns selbst zu reflektieren. Ich finde eine der effektivsten Methoden dafür ist immer noch das *Äffenspiel*: so wie im Kindergarten einfach öfters den anderen mal nachäffen - verfehlt seine Wirkung NIE ;)
    liebe Grüße und Kompliment zu den schönen Weckerln!

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    1. Na das überleg ich mir noch, das mit dem Zugucken ;-)
      Nachäffen funktioniert bei den Kleinen wirklich gut - plötzlich sehen sie sich selbst und schwupps ist alles anders. Bei Erwachsenen hab ich es allerdings noch nie probiert ;-)
      Liebe Grüße zu dir!

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